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Messianisches Wasser

12. 3. 14 Um halb neun rückt Juliana an – und zwar mit einem Rollkoffer voll mit deutschsprachigen Büchern, die ihr eine alte Dame überlassen hat. Diese Bücher – quer über „Das Totenschiff“, „Der zerbrochene Krug“, „Die Reise nach Tilsit“ „Wie schön könnte die Erde sein“ und noch vielen weiteren Erlesenheiten, was alles an deutscher Literatur während und nach dem Krieg in diversen Buchverlagen in Buenos Aires gedruckt wurde oder in zahlreichen Bibliotheken ausgeliehen werden konnte. „Das können wir vielleicht für unseren Film gebrauchen,“ sagt Juliana. Ich denke, ja. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie.

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Nach zwei Jahren Spanischunterricht per skype sitze ich am Nachmittag mit Mariela für meine erste live-Spanischstunde unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse – nicht so sehr wegen der knallheißen Sonne, die ab Mittags hinter dem Haus veschwindet, sondern wegen des Klimaanlagensprühregens, den der hilfsbereite Haushandwerker nicht abschalten konnte. Aber einen „Techniker“ anrief, der sich darum kümmern wird. Vamos a ver.

„Und hast du schon ein bife gegessen?“ Nein. Jetzt bin ich seit einer Woche in Buenos Aires und hab noch kein Stück Fleisch gegessen. Nur einmal pollo/Huhn. Wie bei meinem letzten Aufenthalt scheint auch dieses mal die Ernährung ein Thema zu werden. Wenn ich mit Freunden abends ausgehe, dann meist in Lokalitäten wo es nur Pizza oder Empanadas gibt oder picadas, also Schinken und Käse zusammengewürfelt. Ich liebe Empanadas und Pizza – aber beides ist mir hier zu fett und zu schwer. Die Argentinier behaupten zwar, eine bessere Pizza zu machen als die Italiener – aber da irren sie. Da ich schon meistens am Mittag einen kleinen Salat esse oder eines dieser federleichten Gummibrötchen mit einer perfekten Avocado drauf, hätte ich abends durchaus Lust auf … Das heißt, bereits nach einer Woche habe ich dieses permanente latente Hungergefühl. Natürlich werde ich nicht verhungern – es gibt ja immer grünen Salat mit Tomaten und Zwiebeln. Den ich zum Glück liebe. Mit der Zusatzbestellung „limon y pimienta“ – schmeckt er mir jedes mal aufs neue, auch zwei mal am Tag. Und monatelang.

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Überall neue Fahrradwege, auf denen ich auch bald herumbrausen werde. Und an diesem Abend Pasta in der legendären und vegetarisch ausgerichteten Tangolocation Catedral – die so schwer ist, dass ich die Hälfte übrig lassen muss. Danach bitte ich Mariela, diesen zauberhaften Sommerabend mit 26 Grad noch draußen in einem „ruhigeren“ Lokal nicht direkt an einer dicht befahrenen Straße zu beenden. (Für die Argentinier sind warme Sommernächte so selbstverständlich, dass sie problemlos drinnen sitzen können und dementsprechend auch die meisten Lokale/Bars etc nach innen ausgerichtet sind. Oder ein paar Tische auf dem Gehweg stehen, direkt neben 4 – 8 Spuren dichtem Verkehr. Das heißt: ideale Außenlocations muss man wirklich suchen. Nach einer halben Stunde Verdauungsspaziergang und zwei Blasen an den Füßen werden wir fündig. Ein Off-Theater, mit ein paar Sesseln draußen. Wunderbar.

13. 3. 14 Recherche, Recherche, Recherche. Hochinteressant, was das Internet über wirre Wege alles zum Thema jüdische Exilanten in Argentinien herausrückt. Parallel dazu: Gedanken für ein paar Artikel, die sich möglicherweise plötzlich ergeben haben. Nachmittags: Lecker Eis in einer Bar „dulce di leche y americana“. Ich möchte zurück in meine Bude, etwas Yoga machen, dann dies und das, aber die Tür zu meinem Appartement ist offen. Ich erschrecke, sehe dann aber einen jungen, sehr kleinen Mann, der putzt. Der Sohn der guten Seele des Hauses, Jolanda, mit der ich am Vortag besprach, dass es reicht, wenn nächste Woche jemand sauber macht. Gut. Dann also schon diese Woche.

Ich frage ihn: „Sos de Peru?“ „Si!“ Woher wissen Sie das? – Ich sage ihm nicht, dass die Peruaner die kleinsten der mir bekannten Lateinamerikaner zu sein scheinen. Dann fragt er: „Comó se llaman usted?“ „Enriqueta. Y vos?“ „Mesias.“ Heißt der kleine Peruaner doch glatt Messias, wenn auch mit einem s.

Er wird fortan jede Woche einmal bei mir sauber machen für 50 Pesos, ca 4,50 Euro. „Gracias por el trabajo,“ sagt Mesias.

Endlich mein bife. Sehr lecker und so groß, dass ich mit Ach und Krach nur die Hälfte schaffe. Der Laden ist jetzt meine Stammparrilla, claro qué si. Auch weil sich die Verwechslung mit dem Wein so nett gelöst hat. Ich wollte ein Glas trockenen Weisswein, habe aber eine ganze Flasche auf den Tisch gestellt bekommen und auch bezahlt. „Kein Problem. Wir schreiben Ihren Namen drauf und sie können die Flasche jederzeit abholen, wenn sie wollen.“ Ich habe da jetzt also meine Flasche Wein stehen – und freu mich auf das nächste mal.

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Dann „Viruta“ – eine der angesagten Tangolocations. Heute sind dort in mehreren Stockwerken Tangokurse im Angebot und ab 23 Uhr ein Konzert mit Omar Massa, einem jungen Bandoneonisten, den ich vor zwei Jahren kennengelernt habe – in seiner Bude, in der er vegetarisch für mich kochte und mir erklärte, dass das Bandoneon wie eine Orgel und Bach sein Lieblingskomponist ist – mit seiner neuen Truppe „Tangobits“, nach „Otro Tango“, mit denen es eine unschöne Trennung gab, weil sie nicht wollten, das er auch in anderen Konstellationen auftritt.

Oben ein Kurs mit ca. 100 Leuten, unter anderem Mariela und German Kral, der nach seinem tollen Doku „El ultimo aplauso“ gerade einen Beitrag für Arte abgedreht hat. Unten im großen Saal drei verschiedene Klassen à jeweils gut 50 Leuten. Dazwischen lauter lose Tanzpaare. Und auf der Bühne stehen die Instrumente für das Konzert. Bei einem Eintritt von 50 Peso/4,50 Euro kann man also an einem Abend endlos viel Unterricht nehmen, tanzen und ein Konzert hören.

Die Musiker bereiten ihre Instrumente zwischen lauter Tanzpaaren vor. Ich begrüße Omar – er erkennt micht zu meiner Überraschung noch. Und dann werde ich später von hinten angestupst. Diego, ein Freund, mit dem ich mich nächste Woche treffen wollte. Baff. Ich kenn in dieser 14-Millionen-Megametropole vielleicht 15 – 20 Leute. Da rechnet man nicht damit, von hinten angestupst und erkannt zu werden.

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Tangobits ist ein engagierter Versuch klassischen Tango mit Elektro aufzumischen. Nicht ganz mein Fall in dieser Form, weil es mir manchmal zu elegisch wird, aber es ist zauberhaft zu sehen, wie diese jungen Musiker zwischen 25 und 30 sich auf die Musik stürzen – und die Leute dazu tanzen.

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14.3. 14 Wasser scheint eines der Hauptthemen bei diesem Aufenthalt zu werden. Am Morgen gab es kein Wasser bei der Klospülung. Das Problem wurde aber prompt behoben, wie auch immer. Und dann setzte nach meinem Dauersprühregen aus der Klimaanlage ein echter Sturmregen ein, der gewaltig war. Stundenlang. Und mich und alles was ich anhatte und in der Tasche trug trotz Regenjacke von oben bis unten durchweichte.

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Momentan tobt ein Sturm ohne Regen. Die Baumwipfel, auf deren Höh ich wohne wogen hin und her, dass mir ganz schwindelig wird.

Samstag, 15. 4. Schönster Sonnenschein, die Turnschuhe trocknen vor sich hin, ich lese die SZ über mein online-Abo, – sehr praktisch, dass man das analoge Abo auf digital umstellen kann und bereite für den Nachmittag unseren ersten Dreh vor.

Was das Thema Steueroase angeht: hier machen das alle über Uruguay. Viele argentinische Firmen und reiche Leute sind aus diesem Grund in den letzten Jahren nach Uruguay gezogen. Was aus Argentinien in nächster Zeit wird, kann noch sehr spannend werden.

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