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Supermärkte und andere Momente

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Am Ostersamstag wollte ich zumindest einen Landtag einschieben, und angesichts der Osterfeiertage hätte ich eigentlich auch in der letzten Woche die Bustickets reserviert, aber alle sagten, das sei nicht nötig. Also um halb sieben aufstehen, nach Retiro fahren, zu dem monströs großen Busbahnhof, um dann an der Kasse zu erfahren: alles ausgebucht. Grrrr. Also zurück und etwas planlos rumstehen. Herrlich sonniges Radlwetter. Aber das Rad ist leider vollkommen platt. Wild entschlossen, irgendwie an eine Luftpumpe zu kommen, schiebe ich es durch die Straßen. Und siehe da: eine Autowerkstatt ist offen und mein Rad wird aufgepumpt.

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Trotz der Feiertage haben die Läden auf. Nicht alle, aber in jeder Straße die nötigsten. Von den drei Kiosken (Zigaretten, Süßigkeiten, Sandwiches, Getränke, Batterien, diverses Allerlei, Handykarten und Bus/U-Bahnkarte aufladen) zumindest einer. Von den drei Gemüseläden ebenfalls. Natürlich haben die Läden auch am Sonntag auf. Schon damit die Leute, die unter der Woche arbeiten, am Sonntag ihre Wochenvorräte kaufen können. Und das tun sie zu hauf.

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Die Supermärkte sind ganz normal – obwohl: In welchem Supermarkt in Deutschland dürfte eine Familie, die in ihm Gemüse verkauft (Gemüse und Fleisch und Fisch wird meist von eingemieteten Händlern extra verkauft) zwischen den Regalen Pappkisten aufstellen und für ihr Kleinkind derart einen Laufstall einrichten, dass es nicht wegkrabbeln kann? Gut, die Supermärkte sind also einigermaßen normal. Aber das Kassensystem – das ist speziell und erfordert viel, viel Geduld. Zwei Leute vor einem, da können 20 Minuten drauf gehen. Es beginnt damit, dass nichts, aber auch nichts parallel gemacht wird, sondern alles nacheinander. Der Kunde packt nicht ein, während der Kassierer die Ware abrechnet. Nein. Er wartet und dann packt der Kassierer ein. Oder der Kunde bespricht mit dem Kassierer, dass – dann hat man wirklich Pech – ihm die Ware geliefert wird. Ein netter Service, aber: der Kassierer muss erst einmal den zuständigen Service rufen. Und dann wird alles besprochen. Und ein Formularwahn beginnt – und dann wird von einem Mann mit Handschuhen eingepackt. Und dann wird bezahlt. Auch Zahlen ist nicht eine Sache, die einfach so geht. Zuerst einmal wird ausprobiert, mit welcher Kreditarte es zu diesen und jenen Rabattbedingungen am besten gehen könnte. (Die Rabatte selber sind ein Ding für sich, weil es lauter veschiedene gibt, die nur an bestimmten Tagen für bestimmte Produkte gelten) Nicht selten werden dann wieder einzelne Kaufgegenstände aussortiert und alles muss neu berechnet und diskutiert werden. Und dann, wenn das Kreditkartenlesegerät funktioniert, dann muss ausgefüllt werden: Pinnummer, Unterschrift, claro qué si, Name noch mal in Druckbuchstaben, Passnummer. Und dann rattert und dauert es und dann kommen kilometerlange Papierschwänze aus den Apparaten gequollen, natürlich muss oft genug dafür erst einmal das Papier eingelegt werden, und dann unterschreibt der Kunde abermals allerlei und der Kassierer auch, und es wird geplaudert. Und man selber schnauft durch und sagt “ommm” Und die Kundin hinter einem: un “ommm” no es bastante /reicht nicht.

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Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich selber einmal für den vermutlich längsten Stau verantwortlich war. Denn nur ein Gerät von den 10 Kassen hat meine Visakarte eingelesen. Das war schon eine Nummer, wie die Kassiererin mit meiner Karte durch die Kassen lief und ich hinterher – all mein Geld in ihrer Hand – und dann hat es irgendwo 20 Meter entfernt von dem Kaufgut geklappt, und zum Glück hatte ich meinen Personalausweis dabei, weil ich da noch nicht wusste, dass man die Identifikationsnummer zum einkaufen braucht. Aber auch wenn man effectivo zahlt, also bar, kann man seine Überraschungen erleben. Jeder 100 Peso-Schein (ca 9,70 Euro) wird gewissenhaft auf Falschgeld untersucht, das zuhauf im Umlauf ist. Und dann fehlt meist in den Kassen das Wechselgeld. Also wird der Mann/die Frau mit dem Wechselgeld gerufen. Und dann dauert es. Natürlich gibt es Schnellkassen. Aber zum einen hält sich niemand an die Höchstzahl von 15 Produkten, zum anderen stehen da oft 20 Leute gottergeben an, dass zumindest mir die anderen Kassen effizienter scheinen. Zum Glück gibt es so viele kleine Supermärkte und andere Läden, dass ich nur selten in einen großen Supermarkt gehen muss.

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Rafael Spregelburd, ein Schauspieler, Regisseur und Autor, den ich letztes Jahr in Regensburg kennenlernte. Premiere jetzt seines Films “El crítico”, in dem er “nur” spielt (sehr netter Film) und seines neuesten Zweipersonen-Stücks, mit dem Musiker Zypce zusammen. Völliger Aberwitz und sehr absurd, voll mit Neologismen – das Publikum hat sich krumm gelacht und ich habe auch hin und wieder etwas verstanden, weil er mir vorab “Spam – una Sprechoper” zu lesen gab.

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Márquez. Mir wird erst jetzt bewusst, dass vermutlich seine Bücher nicht unwesentlich daran beteiligt waren, dass meine Faszination für das rätselhafte, geheimnisvolle Südamerika so wuchs – und ich dieses Rätsel vermutlich nie lösen werde, aber doch immerhin ein paar Ahnungen bekomme. Danke, Márquez.

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Auf einem großen Platz, wunderbar in der Abendsonne, neben mir ein Paar auf der warmen Steinbank, sie bitten eine Passantin um Zigaretten. Später möchte ich eine rauchen und biete ihnen auch Zigaretten an. Darauf bekomme ich sofort Räucherstäbchen geschenkt. Wir plaudern und dann werde ich gefragt, ob ich hier auch ins Theater gehe. Dieses Paar, das wir in Deutschland unter der Kategorie “arbeitslos” oder ähnliches verbuchen würden, liebt Theater und Musik. Sofort wird beschlossen, dass wir uns nochmal treffen. (Auch wenn das wahrscheinlich nicht mehr klappen wird.) Und natürlich zieht der Mann los, um warmes Wasser für seine Thermoskanne zu besorgen (in jedem Lokal wird jedem dafür heißes Wasser gegeben) für den Mate – den sie in einer Plastikflasche dabei haben, wie auch den Zucker und den kleinen Matebecher mit dem Saughalm, aus dem wir dann reihum trinken. Was für ein schönes Ritual.

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La Boca – das Hafenviertel mit dem Stadion und ungefähr zwei Millionen Maradonna-Statuen. Halbverdurstet und verhungert möchte ich in einer winzigen Parrilla einkehren, um ein Choripan zu essen (eine fette Grillwurst auf einer Semmel mit viel scharfer chimichurri salsa) weiß aber nicht, wo ich mein Bici abstellen soll, ohne dass es die Parrilla und den Flohmarktverkäufer direkt daneben verstellt. Der Flohmarkthändler nimmt mir das Problem ab, kümmert sich darum, dass es an einer Säule angeschlossen wird und passt darauf auf, während ich esse oder spazieren gehe.

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Sonntäglicher Flohmarkt in San Telmo, natürlich auch touristisch, aber nicht nur.

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Interview mit einer der Deutschjüdinnen, die hierherfliehen mussten. Gisela Brunnehild – ist Wagnerfan – “auf den Namen bin ich stolz, dehalb habe ich auch nie geheiratet” (grins) – wird in zwei Wochen 90. Begrüßung:

Sie sind Deutsche?

Ja.

Jüdin?

(vorsichtig) Nein.

Eine, also, eine Christin?

Äh … Ja, ex, aber … ja: Christin.

Bin ich erleichtert! Es ist doch Pessach und ich habe keine Matze im Haus. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, was Sie von mir denken, dass ich Ihnen keine Matze anbieten kann. Bin ich froh, dass Sie keine Jüdin sind.

Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich brauche gar nichts. Hier ein paar Kekse und eine große Flasche Wasser.

Was? Sie bringen selber Wasser mit? Stecken Sie die Flasche sofort wieder ein. Ich habe Saft, Wasser, kalten Kaffee mit Vanilleeis, warmen Kaffee, Mate, selbstgebackene Kekse. Was wollen Sie?

Und dann zwei zauberhafte Stunden mit dieser phänomenalen Dame, die letzte Woche noch auf 4600 Meter Höhe in den Anden Windsurfing gemacht hat – über die salzverkrusteten Ebenen hinweg. “Das war vielleicht etwas leichtsinnig,”sagt sie. “Aber es hat Spaß gemacht.”

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