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Mein bici se llama Bici

Eine Sensation ist die Entwicklung des Fahrrads in den letzten beiden Jahren. Damals gab es von alternativen Gruppen organisiert Demos für “un auto menos”. Die Radler versammelten sich am Obelisken – der Verkehrsknotenpunkt der Stadt, wo die Avenida 9 de Julio kurz mal auf schlappe 26 Autospuren anschwillt, und umkreisten den Obelisken dann für gut eine halbe Stunde. Die Autos mussten warten.

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Einen einzigen Radweg gab es. Und der wurde heiß diskutiert. Die Porteños sind wegen der vielen Einbahnstraßen nicht gewöhnt in beide Richtungen zu gucken, aber der Radweg galt und gilt für beide Richtungen – und so gab es Schwierigkeiten. Radfahren schien in Buenos Aires auch mir ein Ding des Unmöglichen.

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Der Verkehr hat sich in den beiden Jahren nicht gemäßigt. Aber trotzdem sind plötzlich überall Radler unterwegs. Und es gibt ein Fahrradwegsystem in den zentraleren Vierteln. Viele Porteños schütteln noch den Kopf. Aber ich wollte es natürlich ausprobieren. Eine Bekannte bot mir ihr Rad an, dass sie niemals benützt. Aus irgendwelchen Gründen ist es nicht dazugekommen.

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An einigen zentralen Punkten gibt es kostenlose Stadträder auszuleihen. Toll denkt man, bis der bürokratische Aufwand einen davon abbringt: Pass und Kopie des Passes, Visum und Kopie des Visums, bei Einwohnern Wohnsitzbestätigung und Kopie. Und dann die Auflage, sich jede Stunde an einer der Leihstellen zu melden, dazu diverse andere Zeitvorschriften undundund. Mariela und ich fragten in einem der vielen Fahrradläden, die sich dem Trend entsprechend neu installiert haben, ob man auch ein Rad leihen könne. Man kann! Und so habe ich nun für die letzten 5 1/2 Wochen ein Rad, für ca 2,50 Euro am Tag.

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Bici darf bei mir auf der Terrasse übernachten. Ich könnte es wohl auch bei uns im Haus in einem leeren Raum im Erdgeschoss abstellen, aber da der dortige Radständer nicht fixiert ist und das Rad einfach mit ihm zusammen geklaut werden könnte, fahre ich es lieber im Lift zu mir hoch.

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Nach einer kleinen Runde am Samstag habe ich am Sonntag eine riesige Tour gemacht. Und bin jetzt absolut glücklich. Vieles konnte ich vor zwei Jahren und in den ersten Wochen nicht machen, weil die Dimensionen der Stadt zu groß sind, um alles zu Fuß zu ergehen, weil das Bussystem wirklich undurchschaubar ist, und die U-Bahnen nicht dahin fahren, wohin ich möchte. Also eine tolle neue Freiheit.

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Ich würde gerne – wie Mariela versprochen – nur auf cyclovias/Fahrradwegen fahren, trotz der irren Umwege, die damit verbunden sind, aber sie stimmen nicht immer mit den eingezeichnteten Wegen auf dem speziellen Rad-Stadtplan überein. Also muss man sich wagemutig durch die Straßen und über Gehwege schlängeln, aberwitzigen Schlaglöchern, Baumwurzeln und anderen Hindernissen ausweichen – und sich auf seine eigene Aufmerksamkeit und die der anderen verlassen. Zum Glück sind hier alle gewohnt, ständig achtzugeben und miteinander zu kommunizieren. Mit der bornierten Rechthabereinstellung in Deutschland würde man keinen Millimeter vorankommen. Das Passieren der großen Avenidas mit 12, 14, 16 Spuren ist auch für geübte Radler interessant, aber es geht. Abgesehen davon sind alle Radler extrem hilfsbereit, wenn man sie nach dem bestmöglichen Weg fragt.

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Auch Polizisten sind hilfsbereit. Allerdings wissen sie nicht immer, wo der Übergang für Radler sein könnte, dass man nicht genötigt ist, auf der Stadtautobahn die Zuggleise zu überwinden, die viele Stadtteile von der Uferpromenade am Río de la Plata trennen. Fast hätte ich aufgegeben. Aber ich habe mich immer todesmutiger in irgendwelche Gebiete gewagt und schließendlich eine Fußgängerbrücke entdeckt.

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Die Promenade am Río ist großartig. Ein riesiger Parque de la memoria mit abgefahrenen modernen Anlagen, Fischer, Familien, die direkt neben dem Flughafen Aeroparque Picnic machen, ein Schiffswrack, leckere choripans in kleinen Wohnwägen zubereitet, heißes Wasser für den Matetee undundund. Dass die Argentinier diese Weite von Wasser Río nennen und nicht Meer, ist schon erstaunlich. Aber es ist so. Das Meer beginnt für sie erst auf der Höhe von Montevideo.

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Durch einen düsteren Autotunnel hinter dem Flughafen zurück auf die andere Seite, in die Stadt. Überlegung, ob ich noch mal die schönen Parques de los lagos in Palermo über Stock und Stein anfahre oder das ehrwürdige Café “La biela” unter meinem Lieblingsbaum in Recoleta. Dieser 250 Jahre alte gomero, mit seinen ausladenden Ästen, die gestützt werden und einem Blattdach mit einem Durchmesser von gut 50 Metern.

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Mesias möchte Englisch lernen

Ein kleiner Dialog. (Auf spanisch geführt)

Mesias (ca. 23) – der Sohn von Jolanda, der nun einmal pro Woche bei mir sauber macht, wischt die Terrasse:

„Ich möchte gerne Englisch lernen.“

„Gute Idee.“

„Ist Englisch schwer?“

„Das, was du brauchst, um ein bisschen mit Touristen zu sprechen, ist nicht sehr schwer.“

„Du bist doch Englischlehrerin?“

„Ich? Nein. – Wie kommst du denn darauf?“

„Du hast so viele Bücher.“

„Das sind aber alles deutsche oder spanische Bücher.“

„Man kann auf deutsch schreiben?“

„Äh … Natürlich.“

Er denkt nach.

„Deutsch ist nicht Englisch?”

„Nein.“

„Es gibt Unterschiede, richtige Unterschiede?“

„Es gibt auch ein paar Gemeinsamkeiten, ein bisschen wie bei Spanisch und Italienisch, aber längst nicht so viele … Es gibt sehr viele Unterschiede.“

„Deutsch ist eine Sprache?“

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No me lo creo: dos semanas.

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Ich glaubs nicht. Schon zwei Wochen bin ich in Buenos Aires. Gut. Einen Durchhängertag hatte ich, und zwar am Dienstag, den 17. Aber die Ursache weiß ich nicht. Obs daran liegt, dass mein Projekt mehr Arbeit mit sich bringt als vermutet, ob es eine normale Ermüdung nach so vielen Eindrücken ist, obs daran liegt, dass Mails eintrudeln, die Probleme mit dem uralten Familienferienhäusle samt der schwäbischen Erbgemeinschaft ankündigen – etwas irre, sich in Buenos Aires plötzlich den Kopf über Kressbronn am Bodensee zu zerbrechen. Vielleicht liegt es auch nur an dem Hexenschuss, der mir plötzlich zu schaffen macht. Die Kombi mit der immer noch nicht voll funktionstüchtigen linken Hand ist zumindest interessant. Hexenschuss heißt auf Spanisch übrigens nicht “disparo de la bruja” sondern schnöde “lumbago”.

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Das Projekt über die deutschjüdischen Exilanten macht trotzdem Fortschritte. So saß ich vor ein paar Tagen mit meiner Partnerin Juliana im Stadtteil Belgrano bei Roberto, der ein Brille wie Woody Allen hat und uns hilft weitere Gesprächspartner aufzustöbern. Seine Eltern flohen ebenfalls aus Deutschland hierher, er besuchte dann die Pestalozzi– Schule, die für jüdische Emigranten gegründet wurde. Er gab mir auch einen Schwung Bücher mit, die die vollkommen undurchsichtige Deutschenwelt hier noch verwirrender machen. So scheinen in der Tat schon 1519 allererste Deutsche hierher gekommen zu sein, auf dem Schiff des Portugiesen Magellan – auf dieser Fahrt als sie durch Irrfahrten begriffen, dass die Welt eine Kugel ist. Und einige blieben, andere kamen ein paar Jahre später. Der angestaubte “Deutsche Klub in Buenos Aires” gibt sich redlich Mühe das Mitwirken dieser und anderer Deutscher, z.B. diverser Jesuitenmissionare am Aufbau Argentiniens und von Buenos Aires zu betonen. Nun denn. Auf alle Fälle gibt es hier diverse deutsche Kommunen, die sich voneinander abschotten oder auch zusammenrotten, evangelische Friedhöfe angelegt haben, jüdische Schulen und andere Kulturinstitutionen gegründet haben und einzelne Gruppen sich dezidiert antisemitisch verhalten haben etc etc. Ein Durcheinander, dass einem ganz schwindelig wird.

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Am Sonntag, den 16. nutzen Juliana, ihr 10-jähriger Sohn Jannis und ich das schöne Wetter und plantschen im Pool herum, der zwischen zwei Hochhäusern mit einer phänomenalen Sicht über das Häusermeer kaum genutzt wird. – Den Argentiniern ist es jetzt schon zu kalt dafür.

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Am Abend dann wieder eines dieser Konzerte, die mir den Atem rauben. Das Orquestra atípica, Teil einer freien, linken Theatergruppe, die sich 1983 gegen die Militärdiktatur zusammenschloss. Sie sahen sich als Nachbarschaftsprojekt, um sich gegenseitig zu helfen. Da sie in den Einwanderervierteln la Boca und Catalinas sur agieren, mischen sich in der Truppe so ziemlich alle Nationalitäten, die in Buenos Aires vertreten sind. Und dieser Mix de los Immigrantes macht dann auch das Feuer dieses Konzertes aus. Unter freiem Himmel, mitten auf der Straße, kostenlos, jeder spendet, was er spenden will – alle tanzen, alle lachen, Alte, Jüngere, Kinder – Lebensfreude pur. (Was für ein Glück, dass ich vor über zwei Jahren trotz Erkältung und Fieber in das großartige Dino Saluzzi-Konzert ging und dort Graciela kennenlernte, die mich immer zu diesen tollen Konzerten mitschleppt.)

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Auf dem Rückweg zu einem Bus interessiert sich im Obstladen ein kleiner Junge für meine Kamera und schießt das erste Foto von mir. Zur Krönung dann noch dieser irre Vollmond in seiner Wolkenschafherde.

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Am nächsten Abend gehe ich in eine mir bisher unbekannte Straße zu einem Konzert. Wie schon öfters stolpere ich auch jetzt über architektonische Sonderheiten, die sich kaum fotografieren lassen, über diverses andere und über Stolpersteine, die für die Opfer der Militärdiktatur angelegt wurden. Dann spricht mich ein Junge auf dem Fahrrad an: “Hola Henriette” – Jannis, den ich am Tag zuvor in einem ganz anderen Stadtteil kennenlernte. Wahnsinn.

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Das kontemplative Klangschalenkonzert in einem kleinen Garten des Zentrums für Multiple Sklerose-Patienten ist tibetanisch meditativ. Und sehr windig. Der Herbst kommt.

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An meinem Durchhängertag mach ich mich auf zum Friedhof Chacarita, den ich bei meinem letzten Aufenthalt nicht schaffte. Beeindruckend, diese Steinwelt – und viel sympathischer als der berühmte Recoleta-Friedhof, auf dem fast ausschließlich Militärs und Politiker liegen. Hier sind normale Menschen. Und auch Carlos Gardel, der erste, legendäre Tangosänger. Er “wohnt” nun an der Calle 33, unzählige Plaketten zeigen, wie er geliebt wurde und immer noch wird. So auch von Japanern, die gerade einen Dokumentarfilm über Tango drehen. Ich versuche mich außerhalb des Kamerablickwinkels zu bewegen, aber dann kommen sie direkt auf mich zu. Und so werde ich jetzt vielleicht Teil dieser Dokumentation. Mitten in den Steingräbern plötzlich eine Autokolonne. Eine Beerdigung.

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Ich bummle den Weg zurück durch Villa Crespo, in dem erstaunlich viele Autoruinen stehen. Und Villa Crespo ist nicht irgendein desolater Außenbezirk, sondern die Mitte von Buenos Aires.

Zurück in Palermo, auf der Suche nach einer Goldschmiede, weil mein Kettenverschluss kaputt gegangen ist, werde ich Zeuge eines Überfalls. Innerhalb von Sekunden sind mehrere Polizeiwagen da, dann geht alles gemach und gelassen vor sich. Opfer und Dieb sind ruhig, alle trinken zwischendurch Café, Polizisten machen geduldigen Autofahrern Platz.

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Ein junger Goldschmied repariert meinen Verschluss unentgeltlich. Dann eine Cerveza in einem netten Straßencafé. Und während ich den Wifi-Code ins iphone eingebe der zweite Überfall. Von Tauben. Der Kellner stellt ein Tellerchen mit Erdnüssen vor mich und so schnell kann ich gar nicht gucken, wie plötzlich ca 30 Tauben sich auf den Teller stürzen und innerhalb von Sekunden alles wegmampfen. Ich fliehe an einen anderen Tisch. Der Kellner bringt einen neuen Teller mit Erdnüssen und einem Deckel drüber. Eine weitere Cerveza wird mir auch noch spendiert.

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Am Mittwoch treffe ich nachmittags eine 88-jährige, entzückende Dame, die ich schon von meinem letzten Aufenthalt kenne. Marion schreibt immer noch Artikel für das deutschsprachige Argentinische Tageblatt und argentinische Zeitschriften, ist ungeheuer wach und lebendig. Und ist auch eine jüdische Immigrantin, die 1937 mit ihren Eltern aus Berlin nach Buenos Aires floh. Dass ich das bei meinem letzten Aufenthalt nicht begriffen habe, kann ich gar nicht begreifen. Sie macht jetzt hoffentlich bei dem Projekt mit, auch wenn sie sagt: “Das war alles nicht besonders. Wir hatten es gut. Wir konnten sogar in zwei Containern unseren ganzen Haushalt mitnehmen.” Sie würde gerne wieder nach Berlin ziehen, das sie 2006 zum letzten mal besuchte. “Weil da alles so toll funktioniert und man sich nicht ständig über etwas ärgern muss. Aber ich habe halt hier mein Leben verbracht.”

Abends Kino mit Mariela, meiner Freundin und Spanischlehrerin. “La grande bellezza”, den ich glatt noch nicht gesehen hatte. Das vernuschelte Italienisch des Hauptdarstellers und die rasend schnellen Untertitel auf spanisch – ähem. Aber ich glaub, das meiste hab ich doch irgendwie mitbekommen. Und den Film fand ich toll.

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Messianisches Wasser

12. 3. 14 Um halb neun rückt Juliana an – und zwar mit einem Rollkoffer voll mit deutschsprachigen Büchern, die ihr eine alte Dame überlassen hat. Diese Bücher – quer über “Das Totenschiff”, “Der zerbrochene Krug”, “Die Reise nach Tilsit” “Wie schön könnte die Erde sein” und noch vielen weiteren Erlesenheiten, was alles an deutscher Literatur während und nach dem Krieg in diversen Buchverlagen in Buenos Aires gedruckt wurde oder in zahlreichen Bibliotheken ausgeliehen werden konnte. “Das können wir vielleicht für unseren Film gebrauchen,” sagt Juliana. Ich denke, ja. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie.

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Nach zwei Jahren Spanischunterricht per skype sitze ich am Nachmittag mit Mariela für meine erste live-Spanischstunde unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse – nicht so sehr wegen der knallheißen Sonne, die ab Mittags hinter dem Haus veschwindet, sondern wegen des Klimaanlagensprühregens, den der hilfsbereite Haushandwerker nicht abschalten konnte. Aber einen “Techniker” anrief, der sich darum kümmern wird. Vamos a ver.

“Und hast du schon ein bife gegessen?” Nein. Jetzt bin ich seit einer Woche in Buenos Aires und hab noch kein Stück Fleisch gegessen. Nur einmal pollo/Huhn. Wie bei meinem letzten Aufenthalt scheint auch dieses mal die Ernährung ein Thema zu werden. Wenn ich mit Freunden abends ausgehe, dann meist in Lokalitäten wo es nur Pizza oder Empanadas gibt oder picadas, also Schinken und Käse zusammengewürfelt. Ich liebe Empanadas und Pizza – aber beides ist mir hier zu fett und zu schwer. Die Argentinier behaupten zwar, eine bessere Pizza zu machen als die Italiener – aber da irren sie. Da ich schon meistens am Mittag einen kleinen Salat esse oder eines dieser federleichten Gummibrötchen mit einer perfekten Avocado drauf, hätte ich abends durchaus Lust auf … Das heißt, bereits nach einer Woche habe ich dieses permanente latente Hungergefühl. Natürlich werde ich nicht verhungern – es gibt ja immer grünen Salat mit Tomaten und Zwiebeln. Den ich zum Glück liebe. Mit der Zusatzbestellung “limon y pimienta” – schmeckt er mir jedes mal aufs neue, auch zwei mal am Tag. Und monatelang.

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Überall neue Fahrradwege, auf denen ich auch bald herumbrausen werde. Und an diesem Abend Pasta in der legendären und vegetarisch ausgerichteten Tangolocation Catedral – die so schwer ist, dass ich die Hälfte übrig lassen muss. Danach bitte ich Mariela, diesen zauberhaften Sommerabend mit 26 Grad noch draußen in einem “ruhigeren” Lokal nicht direkt an einer dicht befahrenen Straße zu beenden. (Für die Argentinier sind warme Sommernächte so selbstverständlich, dass sie problemlos drinnen sitzen können und dementsprechend auch die meisten Lokale/Bars etc nach innen ausgerichtet sind. Oder ein paar Tische auf dem Gehweg stehen, direkt neben 4 – 8 Spuren dichtem Verkehr. Das heißt: ideale Außenlocations muss man wirklich suchen. Nach einer halben Stunde Verdauungsspaziergang und zwei Blasen an den Füßen werden wir fündig. Ein Off-Theater, mit ein paar Sesseln draußen. Wunderbar.

13. 3. 14 Recherche, Recherche, Recherche. Hochinteressant, was das Internet über wirre Wege alles zum Thema jüdische Exilanten in Argentinien herausrückt. Parallel dazu: Gedanken für ein paar Artikel, die sich möglicherweise plötzlich ergeben haben. Nachmittags: Lecker Eis in einer Bar “dulce di leche y americana”. Ich möchte zurück in meine Bude, etwas Yoga machen, dann dies und das, aber die Tür zu meinem Appartement ist offen. Ich erschrecke, sehe dann aber einen jungen, sehr kleinen Mann, der putzt. Der Sohn der guten Seele des Hauses, Jolanda, mit der ich am Vortag besprach, dass es reicht, wenn nächste Woche jemand sauber macht. Gut. Dann also schon diese Woche.

Ich frage ihn: “Sos de Peru?” “Si!” Woher wissen Sie das? – Ich sage ihm nicht, dass die Peruaner die kleinsten der mir bekannten Lateinamerikaner zu sein scheinen. Dann fragt er: “Comó se llaman usted?” “Enriqueta. Y vos?” “Mesias.” Heißt der kleine Peruaner doch glatt Messias, wenn auch mit einem s.

Er wird fortan jede Woche einmal bei mir sauber machen für 50 Pesos, ca 4,50 Euro. “Gracias por el trabajo,” sagt Mesias.

Endlich mein bife. Sehr lecker und so groß, dass ich mit Ach und Krach nur die Hälfte schaffe. Der Laden ist jetzt meine Stammparrilla, claro qué si. Auch weil sich die Verwechslung mit dem Wein so nett gelöst hat. Ich wollte ein Glas trockenen Weisswein, habe aber eine ganze Flasche auf den Tisch gestellt bekommen und auch bezahlt. “Kein Problem. Wir schreiben Ihren Namen drauf und sie können die Flasche jederzeit abholen, wenn sie wollen.” Ich habe da jetzt also meine Flasche Wein stehen – und freu mich auf das nächste mal.

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Dann “Viruta” – eine der angesagten Tangolocations. Heute sind dort in mehreren Stockwerken Tangokurse im Angebot und ab 23 Uhr ein Konzert mit Omar Massa, einem jungen Bandoneonisten, den ich vor zwei Jahren kennengelernt habe – in seiner Bude, in der er vegetarisch für mich kochte und mir erklärte, dass das Bandoneon wie eine Orgel und Bach sein Lieblingskomponist ist – mit seiner neuen Truppe “Tangobits”, nach “Otro Tango”, mit denen es eine unschöne Trennung gab, weil sie nicht wollten, das er auch in anderen Konstellationen auftritt.

Oben ein Kurs mit ca. 100 Leuten, unter anderem Mariela und German Kral, der nach seinem tollen Doku “El ultimo aplauso” gerade einen Beitrag für Arte abgedreht hat. Unten im großen Saal drei verschiedene Klassen à jeweils gut 50 Leuten. Dazwischen lauter lose Tanzpaare. Und auf der Bühne stehen die Instrumente für das Konzert. Bei einem Eintritt von 50 Peso/4,50 Euro kann man also an einem Abend endlos viel Unterricht nehmen, tanzen und ein Konzert hören.

Die Musiker bereiten ihre Instrumente zwischen lauter Tanzpaaren vor. Ich begrüße Omar – er erkennt micht zu meiner Überraschung noch. Und dann werde ich später von hinten angestupst. Diego, ein Freund, mit dem ich mich nächste Woche treffen wollte. Baff. Ich kenn in dieser 14-Millionen-Megametropole vielleicht 15 – 20 Leute. Da rechnet man nicht damit, von hinten angestupst und erkannt zu werden.

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Tangobits ist ein engagierter Versuch klassischen Tango mit Elektro aufzumischen. Nicht ganz mein Fall in dieser Form, weil es mir manchmal zu elegisch wird, aber es ist zauberhaft zu sehen, wie diese jungen Musiker zwischen 25 und 30 sich auf die Musik stürzen – und die Leute dazu tanzen.

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14.3. 14 Wasser scheint eines der Hauptthemen bei diesem Aufenthalt zu werden. Am Morgen gab es kein Wasser bei der Klospülung. Das Problem wurde aber prompt behoben, wie auch immer. Und dann setzte nach meinem Dauersprühregen aus der Klimaanlage ein echter Sturmregen ein, der gewaltig war. Stundenlang. Und mich und alles was ich anhatte und in der Tasche trug trotz Regenjacke von oben bis unten durchweichte.

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Momentan tobt ein Sturm ohne Regen. Die Baumwipfel, auf deren Höh ich wohne wogen hin und her, dass mir ganz schwindelig wird.

Samstag, 15. 4. Schönster Sonnenschein, die Turnschuhe trocknen vor sich hin, ich lese die SZ über mein online-Abo, – sehr praktisch, dass man das analoge Abo auf digital umstellen kann und bereite für den Nachmittag unseren ersten Dreh vor.

Was das Thema Steueroase angeht: hier machen das alle über Uruguay. Viele argentinische Firmen und reiche Leute sind aus diesem Grund in den letzten Jahren nach Uruguay gezogen. Was aus Argentinien in nächster Zeit wird, kann noch sehr spannend werden.

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Kakadu

Unter blauem Himmel im Sprühregen

Es hat etwas gedauert, bis ich begriffen habe, woher der Sprühregen bei einem absolut wolkenlosen hellblauen Himmel kommt und es mir unmöglich macht, den Computer auf dem Terrassentisch zu stellen: aus einer Klimaanlage ein paar Stockwerke über mir. Inzwischen ist das Problem gelöst. Im Supermarkt gab es einen Sonnenschirm für ca. 6 Euro und der hilfsbereite Haustechniker hat mit einer Holzstange und Draht eine Halterung gebastelt, dass ich nun geschützt unter freiem Himmel sitzen kann. Und lesen und arbeiten und rauchen und trinken und essen. Unter mir quirlt die calle Acuña de Figueroa, eine für  Buenos Aires ruhige Straße, weil nur ein colectivo – Bus – durchrauscht, über mir nichts als der blaue oder sternenvolle Himmel und manchmal besagter Sprühregen. Und sicher bald auch ein paar Herbststürme, gegen die der sombrilla nichts ausrichten kann. Aber noch ist der Sommer in vollem Gange. Tagsüber zwischen 25 und 30 Grad. Abends, ja, da braucht man ein Jäckchen.

Aussicht

Das ist neu für mich in Buenos Aires. Ich kenne die Stadt und Argentinien nur aus dem Frühling und Hochsommer vor zwei Jahren. Und da ist man schon bei dem Gedanken an eine Jacke ins Schwitzen gekommen. Nur in dem Bus nach Salta (Nordanden), der eine defekte Klimaanlage hatte und auf gefühlte und echte Minusgrade abkühlte, konnte ich während der 24-stündigen Fahrt meine Shawls, Pullis und Jacken einsetzen, die ich als brave Deutsche immer und überall mitschleppe, auch wenn es angeblich unnötig ist. Und in Ushuaia natürlich, also ganz da unten in Patagonien, in Feuerland, 3000 km südlich von Buenos Aires, 1000 km vom Südpol entfernt. (Und immer noch Argentinien.) Wahnsinnsland.

Solche weiten Reisen werde ich bei diesem Aufenthalt nicht machen. Ich möchte in Buenos Aires arbeiten. Deshalb ist die Terrasse auch so wichtig für mich.

Ich möchte natürlich nicht nur arbeiten. Ich möchte auch meine Freunde treffen, in Konzerte gehen, das Leben genießen, mein Spanisch verbessern, etwas Tango tanzen, mich überraschen lassen – und dieses mal vielleicht begreifen, was es ist, das mich hier so fasziniert. Und was mir in Deutschland fehlt.

Flug

Vor dem Abflug hatte ich zwar kaum Zeit, mir über irgendetwas anderes als die Situation in München den Kopf zu zerbrechen, aber manchmal flimmerte durchaus eine kleine Panik hinein: Was, wenn das alles ein ganz großer Irrtum ist? Was, wenn ich diesesmal alles furchtbar finde? – Ich kann natürlich nicht vorhersagen, was ich am Ende der Reise denken werde. Aber die ersten Tage, die waren erst einmal umwerfend.

Es begann mit dem wahnsinnig freundlichen Empfang meiner Freundinnen hier, die mit Blumen und selbstgebackenem Kuchen anrückten, mir mit den Notwendigkeiten wie celular-Chip/Handykarte organisieren, Geld zum inoffiziellen Kurs wechseln, Einwohnerbuskarte aufladen etc. halfen – und ich zum Glück diverse buntgemusterte und federleichte Plastikbeutel als Geschenk dabei hatte, die mit Begeisterung aufgenommen wurden. Denn ja: inzwischen kosten die großen Plastiktüten auch in Buenos Aires etwas.  Die Stadt versucht “umweltbewusst” zu sein. Sogar für Mülltrennung wird geworben und viele porteños/Bewohner von Buenos Aires trennen auch – aber leider haut es mit der getrennten Müllabholung noch nicht hin. Insofern ist das Trennen vergebene Liebesmüh. Noch!

Und dann erlebte ich bereits an den ersten Abenden nach meiner Ankunft zwei solche Special-Events des argentinischen Flairs zwischen ironischem Humor, lässiger Gelassenheit und  hoher Musikalität, dass sich der lange Flug eigentlich jetzt schon gelohnt hat.

Konex Graciela

Das eine war ein Freiluftkonzert in der großen ausgedienten Fabrikanlage Konex: “Kevin Johansen + the nada” In Argentinien ein Star, in den USA auch bekannt (er ist halb Argentinier, halb Amerikaner) – in Europa bisher nur durch Spanien und Belgien getourt. Eine echte Entdeckung – nicht einzuordnen zwischen verschiedenen lateinamerikanischen Musikrichtungen und Jazz, Pop und Rock. Und vielem mehr. Und der Schlagzeuglegende: Enrique Roizner, Jahrgang 1939, mit Piazzola und anderen Tangostars aufgetreten – und mit Frank Sinatra. Ehrfurchtsvoll wird er “El Zurdo” genannt – der Linkshänder. Dreieinhalb Stunden volles Glück.

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Zugabe!!!

Am nächsten Abend eine Milonga in einer der ältesten Tangobars der Stadt, gegründet 1893, damals, als nur Männer Tango tanzen durften, die Bar ein Getränkeausschank war, erst später ein Lokal daraus wurde und nun auch Frauen mit Männern tanzen dürfen, und sogar Schwule und Lesben. (Was von anderen Traditionalisten oftmals nicht gern gesehen wird.) Kaum auffindbar in Barracas, einem barrio jenseits der Tourismusviertel.

Bandplus Paar

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Mit einer Bandoneon-Truppe bestehend aus fünf älteren Herren, die mir ausführlich den Unterschied zwischen einem Bandoneon und einem Akkorden erklären und wie die Deutschen anders musizieren als die Argentinier, wobei sie nichts gegen die deutsche Spielart haben und absolute Fans von Carlsfeld im Erzgebierge sind, wo das Instrument erfunden wurde und sie als Ehrengäste einmal zum alljährlichen Bandoneonfestival eingeladen wurden. Undundund.

Kinder unscharf

Kind, Tänzer

Spätestens, als ich die ca. 80-jährige Dame um halb ein Uhr nachts beseelt mit einem 35-jährigen Schönling tanzen sehe, habe ich wieder diese Ahnung, was es ist, das mich so fasziniert. Und dann kommt plötzlich auch noch der Mann mit den kleinen Kindern in das “Los Laureles”.  Buenos Aires eben.

Laurelesschild

Katze