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Einatmen, ausatmen, Pause. Klick.

Das Titelbild zeigt die Fensterfront des Ateliers Studio 76, in dem ich im November meine Fotoausstellung ATEM · PAUSE zeigen konnte. Da die Ausstellung zu meiner großen Freude auf riesiges Interesse stieß, hier ein Teil der Ausstellungsbilder von vorne und auch ein paar unveröffentlichte Fotos.

Viel Spaß!

INDIEN · KUBA

handstand

cine-regla

Wandhündchen

 

Im See

Unterm Schiff

kuh

 

BLAU · ROT

schatten

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moewenflug

 

taubentreff

Confiseria Ideal

 

PATAGONISCHE SUCHE

ebbe

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schwarzer-strudel

Blau

 

PAARE

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nebel

Steinige Pause

 

PAUSENGEDANKEN

Jeder Atemzug beinhaltet eine Stille: Einatmen, ausatmen, Pause. Einatmen, ausatmen, Pause. Mit einem letzten Atemzug endet das Leben. Große Stille.

Alle, Klänge, alle Musikstücke beginnen und enden in einer Stille. Zu diesen beiden Stillen einer jeden Musik, die Daniel Barenboim auch “klangvolle Luft” nennt, gibt es noch die Pausen innerhalb eines Musikstücks. Als Bruch, als Zäsur, als Auftakt, Erholung, Spannung, Veränderung, Hinauszögern. Jede Pause verbindet das Vergangene mit dem Zukünftigen. Sie ist durch das gefärbt, was vor ihr passierte und was danach geschehen wird – auch wenn man noch nicht weiß, was das sein wird. Sehr lebensnah.

In der Musik ist der Atem am spürbarsten. Aber alle Künste leben vom Atem. Der Tanz. Und der Film. Im Schnitt bekommt er seinen Rhythmus bzw. Atem, wird zum Leben erweckt. (…) Letztlich basiert alle Kunst, jegliches Schaffen und Tun auf musikalischen, lebensnahen Kriterien. Und auf der Essenz, die das Leben ausmacht: Der Atem.

 

 BERG · RUHE

Sieben Farben

Nah den Göttern

wandkatze

 

DURCH · BLICK

Bullauge mit Sicht

nebeldurchsicht

Drama mit Tisch

 

BUENOS AIRES · GUTE LÜFTE

Belgrano

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hundegruß

Tangodasein Blau

 

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Tangodasein rot

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siesta

 

Der Rock, am Tage angehabt,                                                                                          er ruht zur Nacht sich schweigend aus … 

Wie Christian Morgenstern es hier und in vielen seiner wunderbaren Gedichte beschreibt, empfinde auch ich, dass Dinge Geschichten erleben. Nicht nur Menschen, Tiere, Berge, Gletscher, Pflanzen. Ihre Geschichten und Erlebnisse berühren mich oftmals am meisten, wenn sie im Kleinen und Nebensächlichen passieren. Vielleicht in einer kleinen Pause. (…)

Fasziniert bin ich immer wieder, wie ein Mensch, ein Tier, ein Objekt mit seiner Umgebung in Verbindung tritt und sich ein Gegensatz oder eine Harmonie ergibt, eine unbeabsichtigte Poesie, eine Spannung, ein Witz. Durch den Zufall, dass ich gerade mit meiner Kamera vorbeigehe, entsteht eine weitere Verbindung. Für einen kurzen Moment atmen wir gemeinsam. Dann gehen unsere Leben wieder getrennt weiter – und ich bin mit einer Geschichte beschenkt worden.

TAG · NACHT

Nachtruhe

wintervogel

 

DER SPRUNG

Junge wartet junge-springt

 

SCHWARZ · WEISS

Río de la plata

Musikalische Vögel

Die alte Frau

Wald in Feuerland

Wald in feuerland türkis

 

TIERE

Maradona

Neugier

Der stolze Puma

 

SEEGLITZERN

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und ein paar Blümerl

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Ich hoffe, der Streifzug hat Spaß gemacht und ich  freu mich über Kommentare. Falls jemand noch ein Weihnachtsgeschenk benötigt oder überhaupt Interesse hat: Größen, Preise, Lieferzeiten etc. beantworte ich gerne unter meiner Mailadresse, die ich hier mit ausgeschriebenem @ anzeige: Henriette.Kaiseratt-online.de

Es gibt natürlich noch viel mehr Fotos und: Alle Fotos sind selbstredend von mir. Außer das Gruppenfoto der PAARE. Das stammt von Nicola Goethe.

ATEM PAUSE

vernissagebeginn

A T E M · P A U S E

Meine erste Fotoausstellung wurde ein sehr schönes Erlebnis für mich, ein richtiger Erfolg sogar. Bald folgen die Einzelbilder. Viel Spaß. Fragen beantworte ich gerne hier oder unter Mail: Henriette.Kaiseratt-online.de

Das ist das Foto der Einladungskarte

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Zwischen Tigre und Teatro

Meine letzte Woche besteht vorwiegend aus Abschiedsessen und übrig gebliebenes: so musste ich doch endlich einmal in die Parrilla wenige Meter neben meiner Wohnung gehen – und hab mal wieder zwei Drittel eingepackt bekommen, von denen ich nicht weiß, wann ich sie noch essen soll. Endlich fand auch das Treffen mit Rafael Spregelburd statt, der in einem Jahr an der Schaubühne eines seiner Stücke  inszeniert – und der, wie sollte es anders sein, deutschjüdische Vorfahren hat, allerdings auch Russen, Italiener und Spanier – wie seine Familie hier her kam, ist ein eigener Film wert. Der Name wurde vermutlich bei der Ankunft seines Großvaters, als er 1902 aus dem ehemaligen Ostpreussen nach Argentinien auswanderte, so seltsam verändert. Rafael selber lernte ihn erst mit Ende 20 richtig auszusprechen, sagt er. Was er über die Unterschiede zwischen Kreativen und Künstlern hier und in Deutschland erzählt – hochinteressant –  weil mir das auch so aufgefallen ist, freilich viel schwammiger, als er es aus eigener Praxis schildern kann.  In dem schönen Lokal “Lo de Jesus” weist er mich auf die alten Geldscheine hin, die neben vielem an der Wand hängen. Wann immer die Inflation zu groß wurde, hat man einfach ein paar Nullen entfernt und dem neuen Geld einen Namen gegeben. Samt Generalkonterfei. Noch ein Landtag hat geklappt. Mit Graciela und dem Zug eine Stunde Fahrt und dann zuerst durch Tigre radeln, ah und oh sagen und dann mit dem Schiffchen durchs Flussdelta fahren und noch mehr ah und oh sagen. Dschungel. Dass das Wasser hier so braun ist, liegt an seinem hohen Eisengehalt.   Der Mercado ist eine sonntägliche Sensation. Früher wurde hier auf den Booten Gemüse und Obst verkauft, jetzt immer noch, aber noch vieles, vieles mehr. Auf der Zugfahrt zurück steigen wir in dem hübschen Städtchen San Isidro aus und radeln viele Kilometer am Río de la Plata gen Buenos Aires. Nach einem Cafecito im Café “Hilda” fahr ich nachhause. Als ich das Rad aus dem Lift schiebe, kommt eine junge Italienerin, die gegenüber von mir wohnt, aschfahl auf mich zu. Ihr Apartement ist komplett ausgeraubt worden. Alles weg, Kleidung, Computer, Necessairesachen, Pass, Koffer, alles. Sogar die Adapter. Ob das bei mir auch so sei? Ziemlich ängstlich öffne ich die Tür meiner Wohnung, mein ganzes Equipement, zwei Monate Arbeit da drinnen – aber alles ist da. Wie der Dieb an den Schlüssel gekommen, weiß man nicht. An sich gibt es auch Überwachungskameras, niemand kann ins Haus, wenn ihm nicht aufgesperrt wird. Zum Glück hat mein Ladekabel fürs Iminipad und mein Adapter wenigstens helfen können, ihr Iphone zu laden und ich konnte ihr die Adresse des Macladens nennen, in dem ich wegen meiner Probleme Stammkunde war. Die Hausbesitzerin hat die tapfere Italienerin sofort in ihre Wohnung eingeladen – inzwischen wurden alle Schlösser ausgetauscht, Codekarten werden noch installiert, der Dieb wurde über die Kameraauswertung erkannt, aber das hilft auch nicht weiter. Und die Eltern der jungen Italienerin haben darauf bestanden, dass sie sofort zurückfliegt. Was für ein trauriges Erlebnis. – Aber auch viel Hilfsbereitschaft – ich glaub nicht nur, weil die Hausbesitzerin auf Sicherheit angewiesen ist. Sonst kann sie ihre Apartements nicht mehr an Reisende vermieten. Ich möchte mich hier bei meinem nächsten Besuch auf jeden Fall wieder einquartieren. Die Wohnung liegt ideal für mich. Freilich ists laut und ein permanenter Dreck durch den Verkehr, dass jede Raucherfeindlichkeit zur Farce verkümmert – aber ich fühl mich in der Bude wohl. (Nur das Bett, das ist so ne Nummer.)

Zum Glück nicht nur Abschiede und “letzte Male”,  wie weitere Milongas und Konzerte, die letzte Massage von Sarita, die letzten Einkäufe im Stammkiosk, sondern auch Verabredungen für den nächsten Aufenthalt. Und Neues. So gehe ich am vorletzten Abend zum ersten mal ins Teatro Colón, das hochehrwürdige Opernhaus, das bei meinem letzten Aufenthalt fast durchwegs geschlossen hatte, wegen Ferien und Renovierungsarbeiten, und das auch dieses mal die ersten Wochen noch zu war.

Das Haus ist wirklich wunderschön. Ich habe mir einen Parkettplatz gegönnt. Aber ich wollte doch auch mal von oben einen Blick in den Saal werfen – und frage eine Platzanweiserin, ob ich darf. Sie führt mich sofort in die Präsidentenloge, die direkt über dem Orchestergraben ist – auf meine Frage, ob Kristina, die Präsidentin oft in die Oper geht, sagt sie: No. Es gibt doch Schwierigkeiten zwischen der Stadt und ihr. Dann führt sie mich in die “Königsloge”, wie wir sagen würden würden. Aber mangels argentinischen Königen wird die Loge direkt gegenüber der Bühne für offizielle, wichtige Gäste genutzt. – Das alles 20 Minuten vor der Vorstellung, wo die Platzanweiserin eigentlich anderes zu tun hat als Touristen herumzuführen.

Als ich dann auf meinem Parkettplatz Platz nehme, bin ich ob der Beinfreiheit und Großzügigkeit des Sitzplatzes kaum noch zu bremsen. Da können alle anderen Opernhäuser, Kinos, Konzerträume, Veranstaltungsorte, die ich sonst kenne einpacken. Über diese Freude komme ich mit meinem seriös wirkenden und äußerst freundlichen Sitznachbarn ins Gespräch. Es ist selbstverständlich für ihn, dass er mich in der Pause zu einem Glas Champus einlädt. Und dann wirds doch allmählich etwas unheimlich – was nur will es mir sagen. Er ist nicht nur Architekt, ein erfolgreicher, wie es scheint, er ist auch Mitglied der DAIA – Delegacion Asociasones Israelitas Argentinas – also die Zentrale für Jüdische Flüchtlinge, und will mir für mein Projekt mit den deutschjüdischen Flüchtlingen helfen.

Über die Aufführung muss ich nichts sagen. Weder ist der Barbier von Sevilla so ganz mein Fall, noch diese klamaugige Art zu inszenieren. Aber den Leuten hats gefallen – und mir trotz allem auch.



Worte von dem britischen Offizier, Maler, Autor, Philosophen John Thomas Barber Beaumont, der 1825 nach Argentinien kam: “Die Luft Argentiniens hat eine Wirkung auf die Menschen, die leicht zu verspüren, aber schwer in Worte zu fassen ist. Ich möchte sie als ein Vertrauen in das Leben bezeichnen.”

Al final in meinem Stümperspanisch: Queridos amigos en Argentina: Muchas gracias. Un gran abrazo. Argentina y ustedes estan en mi corazón. Y:  no tengo una maleta en Buenos Aires, pero una bolsa con mi bidón y otras cosas. Adíos!!!

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Sturz, Museum, Feria

Schließendlich hat der Termin in der deutschen Botschaft mit dem Botschafter Graf Waldersee doch geklappt. Er sieht aus wie ein Adeliger und ist natürlich diplomatisch auf höchster Stufe und wohl der jüngste deutsche Botschafter ever in Buenos Aires, unschätzbar allerdings – ca 55? (Und nicht zu fotografieren, weil man alles technische Equipement an der Pforte abgeben muss.) Er will mir helfen, wir werden sehen. Und sein Handyklingelton ist “Help” von den Beatles. Als es klingelte, stürzte er fast über die Sessel, die ihm im Weg standen, um es zu erreichen.

Wenige Momente später wieder auf den Straßen, mitten im Nobelteil des ehrwürdigen Belgrano mit hochherrschaftlichen Villen und sehr viel gepflegteren Gehwegen als sonst, da stürzte dann ich saublöd. Meine Kamera in der Hand wollte ich zumindest die schonen (was nicht ganz geklappt hat, aber sie und ich, wir geben nicht auf) und nun muss mein ohnehin desolates rechtes Knie mit dem gerissenem Meniskus neue Probleme bewältigen lernen.

Nach dem Sturz bin ich trotzdem in das jüdische Museum mit der Hauptsynagoge gehumpelt. Die ganze Pessachwoche über war es geschlossen. Nun also wieder auf   – und so habe ich endlich die größte Synagoge von Buenos Aires samt einer interessanten Festausstellung gesehen (Buenos Aires hat mindestens eine so große jüdische Gemeinde wie New York) – und die Ausstellung des Moses Mendelssohn Museums in Potsdam über das jüdische Krankenhaus in Berlin, dessen sympathischen Leiter ich einige Wochen zuvor kennenlernte.

Schon komisch, wie ich über dieses Projekt immer mehr in die jüdische Welt gerate, ohne, dass die sich als solche zu erkennen gibt oder hervortut. Sie ist einfach normaler Bestandteil – und das wissen alle eingigermaßen normal denkenden Menschen sowieso und insofern wäre sie auch nicht groß der Rede wert. Aber in der so weiten Ferne über das Jüdische auf so viel Deutsches zu stoßen – das berührt mich immens. Ich spüre unmittelbar, was dem jetzigen  Deutschland fehlt. Nicht, dass die Juden unser aller Heil wären, so meine ich das nicht. Aber das, was durch Hitler zerstört und vernichtet wurde und bis heute nicht repariert werden konnte, das spürt man hier, 15.000 km von Deutschland entfernt deutlich.  Es ist ja nicht nur das Jüdische vernichtet worden, wo sich Deutschland redlich Mühe gibt, das gutzumachen. Es ist eine Haltung, eine Gesinnung, eine was-weiß ich, eine Weltoffenheit. Und ich weiß nicht genau, warum es mir so fehlt. Aber es fehlt mir. Und ich bin glücklich, wenn ich es woanders spüre – auch wenn es da von anderen Problemen nur so wimmelt.

 

Zu meiner großen Freude werden zwei Artikel von mir im Mai in Deutschland erscheinen: in der Zeitung meines Bruders, der MOZ  ein Portrait über meine liebe Freundin Marion Kaufmann, die in Berlin geboren wurde und mit ihren 88 Jahren immer noch Artikel schreibt – und plant, mit mir nächstes Jahr nach Uruguay zu fahren, und dann, dank dem Tipp von Amelie Fried, in der Jüdischen Allgemeinen ein Bericht über die Pestalozzischule und ihre 80-Jahresfeier. Beide Texte samt den Fotos bekommen jeweils eine ganze Seite. (Zum Glück hat beim Schreiben mein Computer nicht so rumgesponnen wie jetzt. Ich glaub inzwischen, es liegt am Wetter. Jedesmal wenn sich Regen anbahnt oder die Luftfeuchtigkeit höher wird, spinnt er. Kann das sein?)

Die Porteños sind Büchernarren. Als während der Diktatur viele verlage geschlossen wurden, haben die Leute sie handgemacht und gemalt selber herausgegeben. Und in Buenos Aires gibt es die größte lateinamerikanische Buchmesse, die gerade ist. In der Rural, eine riesige, riesige, riesige Anlage mit einem Sandplatz, auf dem Pferderennen veranstaltet werden und alljährlich die weltgrößte Rinderschau stattfindet.

Als Dorita, meine argentinische Freundin aus München hier ihren zweiten Gedichteband präsentiert, bin ich natürlich vor Ort. Mit Mariela, die sich einen Band von ihr signieren lässt. Natürlich wird dieses Jahr Marquez besonders geehrt – auf dem Foto ist er ein Jahr alt.


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Ausflug nach Uruguay

Weihnachten 2011 habe ich in Uruguay, etwas außerhalb von Punta del Este verbracht, in dem charmant bunten und extrem gastfreundlichen Haus meiner Bekannten Dudu. Den kurz darauf folgenden 50. Geburtstag dann in Aguas Dulces, mit wilden, freien, riesigen, weißen Stränden, ein Traum, kurz vor der brasilianischen Grenze. Ich wollte bei der Rückkehr natürlich auch noch Stopps in Montevideo und dem Kolonialstädtchen Colonia del Sacramento machen, dessen Altstadt zum Unesco-Welterbe gehört. Aber es hat nicht geklappt.

Diesesmal wollte ich zumindest einen kurzen Trip über den Rio machen und diese beiden Städtebesuche verbinden, ein, zwei Tage dort übernachten. Aber ich hatte keine mehreren freien Tage am Stück mehr. So blieb mir nur noch ein Tagesausflug nach Colonia,  morgens um 9 mit dem Schnellschiff eine Stunde rüber, abends um halb sieben wieder zurück.

Die Schiffsanlegestelle in Buenos Aires ist fast in La Boca – da wo, das Wasser tot ist und man gar nicht wissen möchte, was alles im trüben Braun herumschwimmt – und es manchmal mächtig riecht. Beim Warten auf die Abfahrt schießt eine Frau ein Foto ihrer Freunde, ich biete an, alle zusammen zu fotografieren, was zur Folge hat, dass ich mit 10 Kameras das gleiche Foto schieße. Dann sage ich, jetzt möchte ich ein Foto mit mir und der Gruppe auf meiner Kamera. Wieder wird das Foto mit 10 Kameras aufgenommen. Dann bekomme ich von ihnen Medialunas zum frühstücken, wir haben viel Spaß und in Uruguay ruft  alle Nas lang jemand “Enriqueta” über die abenteuerlichen Kopfsteinpflaster hinweg. Sehr, sehr nettes Städtchen, mit sagenhaften Oldtimern, viel Sonne, Licht, Weite, Ruhe und Straßenhunden. Von denen sich, egal wo ich mich niederlasse einer zu meinen Füßen hinlegt.

Hier möcht ich noch mal wieder her, dann ein Auto mieten und durch Uruguay fahren, dieses sehr sympathische winzige Land – als Puffer sozusagen zwischen den Riesenländern Argentinien und Brasilien, mit Pepe, wie der Präsident José Mujica von allen genannt wird, der sicher der bescheidenste Politiker weltweit ist.

 

Abends Abschiedsessen im Thai von meiner Projektcrew, Juliana, Eduardo und ihr Sohn, der Assistent Jannis, dem ich 200 Pesos (ca 18 Euro) Gage gebe. Er kann sein Glück gar nicht glauben und unterschreibt hochprofessionell eine hochoffizielle Quittung.

 

 

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Bücherzeiten

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich die Bücherberge, die Juliana mir an meinem ersten Tag nach der Ankunft gegeben hat, komplett vernachlässigt habe. Aber nun habe ich sie durchgesehen. Schon mords beeindruckend, wie viele Verlage hier waren und deutschsprachige Bücher vor, während und nach dem Krieg gedruckt haben. Und wie viele deutschsprachige Buchhandlungen es gab. In der Tat: gab. Denn vor zwei Jahren schloss die letzte deutsche Buchhandlung. Dass ein Buch mit 266 Seiten auf der letzten Seite nur drei Zeilen hat, ist aus heutiger Sicht auch erstaunlich. Und das, was von den Lesern per Hand in die Bücher hineingeschrieben wurde, das finde ich doch sehr berührend.


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Supermärkte und andere Momente

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Am Ostersamstag wollte ich zumindest einen Landtag einschieben, und angesichts der Osterfeiertage hätte ich eigentlich auch in der letzten Woche die Bustickets reserviert, aber alle sagten, das sei nicht nötig. Also um halb sieben aufstehen, nach Retiro fahren, zu dem monströs großen Busbahnhof, um dann an der Kasse zu erfahren: alles ausgebucht. Grrrr. Also zurück und etwas planlos rumstehen. Herrlich sonniges Radlwetter. Aber das Rad ist leider vollkommen platt. Wild entschlossen, irgendwie an eine Luftpumpe zu kommen, schiebe ich es durch die Straßen. Und siehe da: eine Autowerkstatt ist offen und mein Rad wird aufgepumpt.

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Trotz der Feiertage haben die Läden auf. Nicht alle, aber in jeder Straße die nötigsten. Von den drei Kiosken (Zigaretten, Süßigkeiten, Sandwiches, Getränke, Batterien, diverses Allerlei, Handykarten und Bus/U-Bahnkarte aufladen) zumindest einer. Von den drei Gemüseläden ebenfalls. Natürlich haben die Läden auch am Sonntag auf. Schon damit die Leute, die unter der Woche arbeiten, am Sonntag ihre Wochenvorräte kaufen können. Und das tun sie zu hauf.

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Die Supermärkte sind ganz normal – obwohl: In welchem Supermarkt in Deutschland dürfte eine Familie, die in ihm Gemüse verkauft (Gemüse und Fleisch und Fisch wird meist von eingemieteten Händlern extra verkauft) zwischen den Regalen Pappkisten aufstellen und für ihr Kleinkind derart einen Laufstall einrichten, dass es nicht wegkrabbeln kann? Gut, die Supermärkte sind also einigermaßen normal. Aber das Kassensystem – das ist speziell und erfordert viel, viel Geduld. Zwei Leute vor einem, da können 20 Minuten drauf gehen. Es beginnt damit, dass nichts, aber auch nichts parallel gemacht wird, sondern alles nacheinander. Der Kunde packt nicht ein, während der Kassierer die Ware abrechnet. Nein. Er wartet und dann packt der Kassierer ein. Oder der Kunde bespricht mit dem Kassierer, dass – dann hat man wirklich Pech – ihm die Ware geliefert wird. Ein netter Service, aber: der Kassierer muss erst einmal den zuständigen Service rufen. Und dann wird alles besprochen. Und ein Formularwahn beginnt – und dann wird von einem Mann mit Handschuhen eingepackt. Und dann wird bezahlt. Auch Zahlen ist nicht eine Sache, die einfach so geht. Zuerst einmal wird ausprobiert, mit welcher Kreditarte es zu diesen und jenen Rabattbedingungen am besten gehen könnte. (Die Rabatte selber sind ein Ding für sich, weil es lauter veschiedene gibt, die nur an bestimmten Tagen für bestimmte Produkte gelten) Nicht selten werden dann wieder einzelne Kaufgegenstände aussortiert und alles muss neu berechnet und diskutiert werden. Und dann, wenn das Kreditkartenlesegerät funktioniert, dann muss ausgefüllt werden: Pinnummer, Unterschrift, claro qué si, Name noch mal in Druckbuchstaben, Passnummer. Und dann rattert und dauert es und dann kommen kilometerlange Papierschwänze aus den Apparaten gequollen, natürlich muss oft genug dafür erst einmal das Papier eingelegt werden, und dann unterschreibt der Kunde abermals allerlei und der Kassierer auch, und es wird geplaudert. Und man selber schnauft durch und sagt “ommm” Und die Kundin hinter einem: un “ommm” no es bastante /reicht nicht.

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Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich selber einmal für den vermutlich längsten Stau verantwortlich war. Denn nur ein Gerät von den 10 Kassen hat meine Visakarte eingelesen. Das war schon eine Nummer, wie die Kassiererin mit meiner Karte durch die Kassen lief und ich hinterher – all mein Geld in ihrer Hand – und dann hat es irgendwo 20 Meter entfernt von dem Kaufgut geklappt, und zum Glück hatte ich meinen Personalausweis dabei, weil ich da noch nicht wusste, dass man die Identifikationsnummer zum einkaufen braucht. Aber auch wenn man effectivo zahlt, also bar, kann man seine Überraschungen erleben. Jeder 100 Peso-Schein (ca 9,70 Euro) wird gewissenhaft auf Falschgeld untersucht, das zuhauf im Umlauf ist. Und dann fehlt meist in den Kassen das Wechselgeld. Also wird der Mann/die Frau mit dem Wechselgeld gerufen. Und dann dauert es. Natürlich gibt es Schnellkassen. Aber zum einen hält sich niemand an die Höchstzahl von 15 Produkten, zum anderen stehen da oft 20 Leute gottergeben an, dass zumindest mir die anderen Kassen effizienter scheinen. Zum Glück gibt es so viele kleine Supermärkte und andere Läden, dass ich nur selten in einen großen Supermarkt gehen muss.

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Rafael Spregelburd, ein Schauspieler, Regisseur und Autor, den ich letztes Jahr in Regensburg kennenlernte. Premiere jetzt seines Films “El crítico”, in dem er “nur” spielt (sehr netter Film) und seines neuesten Zweipersonen-Stücks, mit dem Musiker Zypce zusammen. Völliger Aberwitz und sehr absurd, voll mit Neologismen – das Publikum hat sich krumm gelacht und ich habe auch hin und wieder etwas verstanden, weil er mir vorab “Spam – una Sprechoper” zu lesen gab.

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Márquez. Mir wird erst jetzt bewusst, dass vermutlich seine Bücher nicht unwesentlich daran beteiligt waren, dass meine Faszination für das rätselhafte, geheimnisvolle Südamerika so wuchs – und ich dieses Rätsel vermutlich nie lösen werde, aber doch immerhin ein paar Ahnungen bekomme. Danke, Márquez.

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Auf einem großen Platz, wunderbar in der Abendsonne, neben mir ein Paar auf der warmen Steinbank, sie bitten eine Passantin um Zigaretten. Später möchte ich eine rauchen und biete ihnen auch Zigaretten an. Darauf bekomme ich sofort Räucherstäbchen geschenkt. Wir plaudern und dann werde ich gefragt, ob ich hier auch ins Theater gehe. Dieses Paar, das wir in Deutschland unter der Kategorie “arbeitslos” oder ähnliches verbuchen würden, liebt Theater und Musik. Sofort wird beschlossen, dass wir uns nochmal treffen. (Auch wenn das wahrscheinlich nicht mehr klappen wird.) Und natürlich zieht der Mann los, um warmes Wasser für seine Thermoskanne zu besorgen (in jedem Lokal wird jedem dafür heißes Wasser gegeben) für den Mate – den sie in einer Plastikflasche dabei haben, wie auch den Zucker und den kleinen Matebecher mit dem Saughalm, aus dem wir dann reihum trinken. Was für ein schönes Ritual.

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La Boca – das Hafenviertel mit dem Stadion und ungefähr zwei Millionen Maradonna-Statuen. Halbverdurstet und verhungert möchte ich in einer winzigen Parrilla einkehren, um ein Choripan zu essen (eine fette Grillwurst auf einer Semmel mit viel scharfer chimichurri salsa) weiß aber nicht, wo ich mein Bici abstellen soll, ohne dass es die Parrilla und den Flohmarktverkäufer direkt daneben verstellt. Der Flohmarkthändler nimmt mir das Problem ab, kümmert sich darum, dass es an einer Säule angeschlossen wird und passt darauf auf, während ich esse oder spazieren gehe.

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Sonntäglicher Flohmarkt in San Telmo, natürlich auch touristisch, aber nicht nur.

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Interview mit einer der Deutschjüdinnen, die hierherfliehen mussten. Gisela Brunnehild – ist Wagnerfan – “auf den Namen bin ich stolz, dehalb habe ich auch nie geheiratet” (grins) – wird in zwei Wochen 90. Begrüßung:

Sie sind Deutsche?

Ja.

Jüdin?

(vorsichtig) Nein.

Eine, also, eine Christin?

Äh … Ja, ex, aber … ja: Christin.

Bin ich erleichtert! Es ist doch Pessach und ich habe keine Matze im Haus. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, was Sie von mir denken, dass ich Ihnen keine Matze anbieten kann. Bin ich froh, dass Sie keine Jüdin sind.

Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich brauche gar nichts. Hier ein paar Kekse und eine große Flasche Wasser.

Was? Sie bringen selber Wasser mit? Stecken Sie die Flasche sofort wieder ein. Ich habe Saft, Wasser, kalten Kaffee mit Vanilleeis, warmen Kaffee, Mate, selbstgebackene Kekse. Was wollen Sie?

Und dann zwei zauberhafte Stunden mit dieser phänomenalen Dame, die letzte Woche noch auf 4600 Meter Höhe in den Anden Windsurfing gemacht hat – über die salzverkrusteten Ebenen hinweg. “Das war vielleicht etwas leichtsinnig,”sagt sie. “Aber es hat Spaß gemacht.”

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Bild 1

Die Zeit verrast

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Begegnungen mit wunderbaren Menschen, die aus Deutschland fliehen mussten. Das Projekt ist vermutlich noch unverkäuflicher, als ich dachte, aber für mich eine berührende Erfahrung. Rodolfo arbeitete seit seinem 13. Lebensjahr, Marion wollte unbedingt wie alle Mädchen in ihrer Klasse lange Haare mit Locken haben. Ihre Mutter verbot es, sie wollte den Berliner Bubikopf ihrer Tochter bewahren. Sorry Marion, ich kann sie verstehen.

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Die Geschichte haucht mich an allen Ecken und Enden an. Der Mut einzelner Menschen, gegen die braune Barbarei zu kämpfen und dabei Kindern zu helfen, die hier ankamen, alleine, mit gebrochenen Vätern, mit Müttern, die irgendwie die Familien durchbrachten, aber selber nie wirklich Spanisch lernten, diese Kinder, die lernen mussten, dass alle aus den gleichen Brunnen Wasser trinken und auf den gleichen Bänken sitzen dürfen – beeindruckend.

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Der Grundschullehrer Herrmann Schnorbach bereitet eine Ausstellung im Colegio Pestalozzi über den Karikaturisten, Grafiker und Zeichenlehrer Carl Meffert vor, der sich auf seiner Flucht in Clement Moreau umtaufte. Rechts über ihn eine Karikatur von Hitler, als Gaucho verkleidet, um unerkannt in Argentinien sein Unwesen treiben zu können.

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Immer wieder muss ich auf meinen Wegen und Spaziergängen stoppen, weil mir ein Motiv vor die Linse kommt. Diese seltsamen Skulpturen auf den Plätzen, dieser Häuserwahnsinn, dieser Himmel, das Pittoreske, das Leben auf der Straße – all das liebe ich und inspiriert mich. Wozu auch immer. Allerdings ist das alles auch anstrengend, schon alleine durch den wahnsinnigen Verkehr, durch den permanenten Krach. Da genießt man den Generalstreik, an dem keine Busse, Laster und U-Bahnen fahren und die vielen Feiertage sehr.

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Anstrengend ist auch das Klima. Die Stürme, die seit Jahresbeginn so heftig wie noch nie sind und Terrassenbedachungen abreißen, die 30 Jahre stabil waren, Bäume entwurzeln, die Stromversorgung unterbrechen, alles überschwemmen, sie nehmen kein Ende. Jetzt, im Herbst kann auch die Temperatur von einer Sekunde auf die andere um 20 Grad sinken. Zwei Tage lang stürmt der Südwind. Vom pampasflachen Patagonien ungebremst wirbeln antarktische Winde durch Buenos Aires.

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Schubertlieder werden trotzdem gesungen und der Tango wird weitergetanzt. In der ehwürdig angestaubten Confiseria Ideal in der Innenstadt, in dem sympathischen kleinen Club “Dasein” bei mir um die Ecke. Der Besitzer wusste nicht, dass “Dasein” ein deutsches Wort ist, aber er ist mit der Bedeutung einverstanden. Und heut herrschen auch schon wieder angenehme 25 Grad. Die semana santa kann kommen.

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von Henriette Kaiser